Eine kleine Auswahl ...
Prosa: Mufflons - Das Schweigen - Traurige Paradiese
Gedichte: Kastanien - Adagio - Am gelben Mittag - Muss I Denn
Mufflons
Franzl sagt, dass mit einer neuen Liebe die Schöpfung neu beginne, und ich rufe: genau, genau das meine ich! Immer wieder dasselbe! Wo, bitteschön, ist da Entwicklung? Fortschritt? Wo, frage ich dich, frage ich Franzl, persönliche Reife? Glaube und Hoffnung? Zukunft? Vom politischen Aspekt ganz zu schweigen! Und da haben wir die ästhetische Dimension noch gar nicht berührt! Und die geriatrische erst recht nicht! Denk an Tante Tina!
Meiner achtzigjährigen Großtante ist das Kurzzeitgedächtnis abhanden gekommen. Seither schichtet sie den Packen Urlaubsfotos, den man ihr in die Hand drückt, wieder und wieder um und bestaunt die Bilder auch nach dem zehnten Durchlauf. Dem zwanzigsten. Mit gleichbleibend freundlichem Interesse. Als sähe sie sie zum ersten Mal.
Franzl fixiert seine Zigarette. Sie ist zu zwei Dritteln herunter geraucht.
Dann geht sein Blick aus dem Fenster. Die Autos schnurren vorbei. Fahren, wohin sie wollen.
Und er sitzt hier fest. Er lächelt. Vermutlich vor Angst. Bestimmt werfe ich wilde Blicke. Medea (oder Medusa? In der Mythologie war ich nie richtig firm) wär ihm jetzt gar nicht recht.
Und dann auch noch Locken, Franzl! stöhne ich, und der Herr am Nebentisch, der uns eben noch über den Rand seiner Zeitung hinweg vorwurfsvoll angeschaut hat, als habe er Eintritt bezahlt und also das Recht, sich über die unverschämt lange Vorstellungspause zu beklagen, widmet sich mit einem Seufzer der Erleichterung wieder seiner Lektüre.
Das Schweigen
"Nur weil ich ein Hund bin, musst du mich doch nicht lieb haben!", sagte der Hund.
"Komm, hör schon auf!" sagte Bert, riss den Verschluss der Bierdose auf, setzte an und ließ die Flüssigkeit in seine Kehle laufen, ohne zu schlucken.
"Immer solidarisch an der Seite seines Herrn ist der Hund", sagte der Hund...
Bert tastete nach dem Wundverband an seinem Kopf. Die Stelle war kreisrund ausrasiert. "Ein Hund ist eben ein Hund!", sagte er und befühlte die Pflasterstreifen über dem blutdurchtränkten Mull. Die Enden lösten sich schon ab.
Der Hund schaute zu den Silos hinüber. Die riesigen grauen Zylinder waren seit ein paar Tagen eingerüstet. "Immer solidarisch an der Seite seines Herrn!", wiederholte er, ohne den Blick zu wenden.
"Is` gut, hör auf!", sagte Bert und schüttelte die Dose, um zu prüfen, wieviel noch drin war.
"Das sind seine natürlichen Anlagen", sagte der Hund.
"Ein Hund ist ein Hund!" sagte Bert. "Er bekommt sein Futter, und dafür ist er solidarisch!"
"Treu und solidarisch", sagte der Hund. "Das Wichtigste ist die Treue!"
"Ja", sagte Bert und leerte die Dose.
"Dafür wird er geliebt, der Hund. Und wenn er hin ist, kauft man sich schnell einen neuen!" Der Hund sah jetzt zum Bahndamm hinüber, wo ein Güterzug vorbeifuhr. Er war mit Autos, Betonrohren und riesigen Drahtrollen beladen und schien kein Ende zu nehmen. Minutenlang ratterten Waggons vorbei.
"Ja, ja", sagte Bert. "Jedenfalls hatte ich mal einen, ein Mädchen war das, also ich kann dir sagen, die war vielleicht anhänglich! Und so was von gelehrig! Mit der musste ich nicht spazieren gehen, die ist vor meinem Auto her gelaufen, mit der konnte ich spazieren fahren!"
Er kippte die Dose um und ein paar Tropfen fielen auf den Boden. Dann kickte er sie gegen die Schuppenwand. Die Dose rollte vor seine Füße zurück.
"Liebe und Konsequenz", sagte der Hund, und seine Stimme klang sehr sanft, "das ist das Geheimnis, das lernt man von den Hunden!"
"Geduld und eine feste Hand!" sagte Bert und schoss die Dose erneut gegen die Wand.
Der Hund schwieg und blickte die Straße hinunter. Schon seit Tagen war dort niemand mehr vorbei gekommen. Krächzend flogen Raben über die Felder und tauchten in das Grün der Maisstauden ein.
"Ich geh´ mal in die Werkstatt", sagte Bert und nahm eine neue Bierdose aus der Einkaufstüte.
Im Schuppen schaltete er das Radio ein. Der Nachrichtensprecher berichtete vom glücklichen Ausgang eines langjährigen Entführungsfalles.
"An der Kreuzung oben bei den Lärchen haben sie jetzt ein Schild aufgestellt", rief Bert aus dem Holzverschlags, "da ist ein kackender Hund drauf - und der ist durchgestrichen!"
Dann stand er kichernd mit einer Digitalkamera in der Hand im Eingang. "Ich hab´s fotografiert, damit du´s mir glaubst! Ich hab gedacht, so was musst du fotografieren! - Das interessiert dich doch, oder?" Er hielt dem Hund das Gerät direkt vor die Nase.
"Ich sehe nichts", sagte der Hund und kratzte sich mit dem Vorderlauf hinterm Ohr.
"Egal", sagte Bert und verschwand wieder im Schuppen. Die Nachrichten waren zu Ende. Popmusik aus den Achtziger wurde angekündigt. Bert stellte den Ton lauter. Bob Marleys Reggae-Rhythmen schepperten wie ein alter Dieselmotor, und Bert rief "jedenfalls gehe ich nachher noch weg!".
Der Hund legte die Schnauze auf seine Pfoten, hob aber den Kopf, als ein Geräusch aus der Werkstatt kam, das sich wie ein heftiges Niesen anhörte. Aber es war nur das Zischen der Dose beim Öffnen gewesen. Er sah Bert mit dem Bier in der Hand im Schuppen hin und her gehen und legte den Kopf wieder ab.
Traurige Paradise
Zuverlässig entfaltet sich die Krise. Traurig winkt das Paradies uns hinterher und brummt. Mutter, Mutter, wie viel Schritte darf ich? Ade, ade. Hinter den sieben Bergen treff ich mich wieder. Schneeweißchen und Rosenrot stehn am Fenster und schwenken Taschentücher. Weit ist der Weg. Über Berg und Tal. Über Stock und Stein. Über Himmel und Hölle. So kam ich noch diesmal. Hinter den Bergen: die Objekte. Hey, Alte, wie siehst du denn aus? Und diese Kretins mit den Zipfelmützen! Der vergiftete Apfel. Ach ja. Und dieser Gürtel, wie er mich schnürt! Sicher - fremd wie das eigene Unbewusste: das andere Geschlecht. Fremde Kulturen. Spieglein, Spieglein. Ich und ich und das Berührungsverbot. "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? In meinem Bettlein geschlafen? Wird sich zum Denkverbot entwickeln. Die Krisis kommt jetzt erst so richtig in Schwung., entfaltet sich prächtig. Weiß wie Schnee. Rot wie Blut. Schwarz wie Ebenholz.. Das Heilige und das Schreckliche - die große Falte, da ist sie wieder, tut sich auf, lockt. O heilige Einfalt. Mit dir die Schlange. Verschlingend verschlungen. Das bleibt dir im Halse stecken. Jetzt sind die Wände aus Glas. Sargwände. Vor-Wände. Rühr mich nicht an. Am Saum der Gedanken treff ich mich wieder. Ich bin schon weit weg.
Der Hahn kräht. Die Autos hupen. Die Schuh sind zertanzt, und ich, ich habe noch eine Geschichte in weiter Ferne - drüben, an der Bushaltestelle, auf der anderen Straßenseite.
Sie kam bis hierher. Sie kommt nicht weiter. Sie kämmt ihr goldenes Haar, eine Übersprungshandlung.
Achtsam quere ich die Fahrbahn. Mit Vorsicht will ich mich nähern, behutsam die Fäden aufnehmen. Keine Haarspaltereien, weg mit den Kämmen und Bürsten, diesem hinderlichen Instrumentarium. Ins Haar will ich ihr greifen, meiner Geschichte. Damit es weitergehe, vorwärts, aufwärts - den Turm erklimmen, das Wort finden, die Geste.
(Auszug aus Traurige Paradiese, ein Rondo. In RADIUS, Kultur-Zeitschrift zum Weiter-Denken, 35.Jg., Themenheft Das Fremde, Radius-Verlag Stuttgart)
Kastanien
von oben greift dir
sonne ins haar
du bückst dich und
bückst dich
die erde ein
nasser kuss
seidigkeit
in meiner hand
dich lieben
dass sich dir
die schale
abhebt
Adagio
in diesem Jahr
sind die Engel
sehr früh
so früh
sind sie
dieses Jahr
die Engel
singt mein Finger
im Wind
Am gelben Mittag
am gelben mittag
bricht mir die nacht
aus den poren
legt mich schlafen
zum moos
löscht das lupinenlicht
hinter den augen
muss i denn
dem Karren hab ich
die Räder anmontiert
doch er scheut noch
die Berührung des Bodens









